Berlinale 2017

„Härte“ von Rosa von Praunheim

Interview mit Regisseur Rosa von Praunheim:

 

 

Rosa von Praunheims „Härte“ ist einer der letzten Vertreter der in den 70er-Jahren aufgekommenen Tradition des deutschen Films, die minimale, oft improvisierte Mittel für maximale Aussagen einsetzt. Als freier Erbe des genialen Rainer Werner Fassbinder – der sich allerdings sehr schnell vom Improvisieren löste und eine intensive Bildsprache für seine aufwühlenden, intelligenten Anliegen entwickelte –  und seines Freundes Werner Schroeter – der in den bizarren Grenzbereichen von Filmen der inneren Zerrissenheit blieb – setzt sich auch Rosa von Praunheim mit deutschen Schicksalen auseinander.

Von Praunheim versucht zwar nicht, Fassbinders Meisterschaft zu erreichen, knüpft aber zumindest an dessen bühnenhaften Inszenierungsstil an, was zur originellen Gestaltung der dem Film zugrunde liegenden realen Geschichte beiträgt. Von Schroeter übernimmt der Regisseur die Vorliebe für schwarz-weiß gefilmte Gesichter und Körper. Dann aber machte er sich von seinen Vorbildern frei.

„Härte“ ist das Porträt des Protagonisten Andreas, der von seinem sechsten Lebensjahr an missbraucht wurde und den größten Teil seines Lebens damit verbrachte, seinerseits Schwächere zu missbrauchen. Von Praunheim will nicht urteilen, sondern beschreiben, unter Verwendung einer rauen, bewusst künstlichen Romanhaftigkeit. Er wechselt meisterhaft zwischen zwei Bildebenen: zum einen den Momenten der Fiktion, in Schwarz-Weiß im Studio gedreht, zum anderen den verstörenden dokumentarischen Elementen, in Farbe in Naturkulissen aufgenommen, mit frontal zur Kamera abgegebenen Erklärungen der realen Personen. Von Praunheim ist übrigens auch Schriftsteller und seit jeher fasziniert von Menschen, deren Leben am Rande der Gesellschaft verläuft. Behutsam steigert er Intensität und Grellheit der Farbe. Ebenso sparsam geht er mit den verblüffenden Worten des realen Andreas um, der schonungslos mit sich selbst über seinen harten Lebensweg berichtet. In den darauffolgenden Sequenzen wird Andreasʼ Vergangenheit rekonstruiert, eine Abfolge höchst belastender Themen, von der man sich praktisch nie erholen kann: Inzest, Schläge, zu seltene Liebe, moralische Brutalität.

So entwickelt sich „Härte“ zu einem hybriden, sehr persönlichen Werk, dessen Hauptperson letztendlich das Schweigen ist. Obwohl ab und zu Musik erklingt, filmt Rosa von Praunheim seine Figuren lieber hinter einer Mauer des Schweigens. Sie mögen brüllen, sich schlagen, hinfallen – das Schweigen umhüllt sie und zwingt sie – zusammen mit dem Zuschauer – in sich selbst hineinzuschauen. Möglicherweise als einen Weg, den Sinn an dem Schrecklichen zu finden, das einem im Leben zuweilen widerfährt.

Olivier Père

Stab und Besetzung

Deutschland 2015
Regie: Rosa von Praunheim
Drehbuch: Nico Woche, Jürgen Lemke, Rosa von Praunheim
Autor: Andreas Marquardt, Jürgen Lemke
Kamera: Nicolai Zörn, Elfi Mikesch
Musik: Andreas Wolter
Schnitt: Mike Shepard
Produktion: Rosa von Praunheim Filmproduktion, WDR, RBB, ARTE
Produzent: Rosa von Praunheim
Mit: Marion Erdmann (sie selbst), Andreas Marquardt (er selbst), Hanno Koffler (Andy), Luise Heyer (Marion), Katy Karrenbauer (Mutter), Rüdiger Götze (Opa), Ilse Amberger Bendin (Oma)