Interview

Von der Produktion zur Regie - Interview mit Julia Ritschel

ARTE: In Deinem Film geht es um eine gleichgeschlechtliche Beziehung, noch dazu in der verbotenen Konstellation zwischen Lehrerin und Schülerin. Was hat Dich dazu bewogen, in nur 15 Minuten diese komplexen Themen zu behandeln?
Es ging mir nicht darum, dass es unbedingt zwei Frauen oder eine Lehrer-Schüler-Beziehung sein muss, aber ich wollte in meinem Regiedebüt eine persönliche Geschichte erzählen. Teile des Films sind daher autobiografisch. Ich finde die Konstellation einfach spannend, da kenne ich mich auch aus. Außerdem hatte ich das Thema in dieser Art der Darstellung noch nie gesehen. Ich finde ambivalente Figuren am interessantesten, und ich denke, die Rolle der Schülerin Lena verkörpert das ganz gut. Am Anfang am Strand ist sie eher schüchtern und zurückhaltend, man spürt den Altersunterschied zu ihrer Lehrerin deutlich, eventuell sogar eine Art Abhängigkeit. Aber im Laufe des Films wird Lena selbstbewusster und forscher, weil sie weiß, was sie möchte.

Regisseurin Julia Ritschel

 

Schon bevor feststand, dass sich ARTE als Koproduzent an dem Film beteiligt, gab es im Drehbuch Szenen auf Französisch. Wieso hast Du Dich dazu entschieden? Sprechen die Schauspielerinnen Französisch?
Für die Entwicklung des Films habe ich meine alten Schulsachen durchgesehen und auch den Aufsatz zu der Fabel "La Cigale et la Fourmi" von La Fontaine gefunden. Wir sollten darin erläutern, ob wir lieber als Grille oder als Ameise leben möchten, und warum. Ich hatte mich unglaublich bemüht, in meinem besten Französisch dafür zu plädieren, dass sich die beiden Lebensentwürfe ergänzen und nicht gegenseitig ausschließen sollten. Das hat mir eine schlechte Note für eine Themaverfehlung eingebracht, da die Aufgabenstellung war, sich zu entscheiden. Um Entscheidungen geht es ja auch im Film. Das ist mir in Erinnerung geblieben, und den Titel der Fabel finde ich im französischen Original noch schöner, weshalb ich ihn nicht übersetzen wollte.
Die beiden Hauptdarstellerinnen, Elisa Schlott und Tabita Johannes, sprechen beide kein Wort Französisch. Ich hatte am Anfang die Befürchtung, dass das problematisch werden könnte, denn vom Schauspiel her wollte ich unbedingt diese beiden Protagonistinnen. Wir hatten zwar eine französische Muttersprachlerin, die uns beraten hat, aber das wiegt natürlich keinen echten Sprachkurs auf. Elisa Schlott, die die Rolle der Lena spielt, hat sich dann wirklich in diese Szenen auf Französisch reingekniet und hat ihren Text so lange und intensiv geprobt, bis er saß. In der Rolle der Schülerin hatte sie auch die Freiheit, Fehler zu machen, das ist sehr viel realistischer. Und Tabita Johannes in der Rolle der Lehrerin hatte weniger Text auf Französisch.

"Grille und Ameise" ist Dein Regiedebüt, aber als Produzentin hast Du schon mehrere Filme begleitet, auch an der Hamburg Media School. Weshalb hast Du den Schritt von der Produktion zur Regie gemacht, und wo liegen für Dich die größten Unterschiede?
Eigentlich hatte ich schon seit meiner Kindheit den Wunsch, Regie zu führen, es hat sich dann allerdings so ergeben, dass ich erst ein Produktionsstudium aufgenommen habe. Wenn man in der Produktion arbeitet, gerät man oft in eine Art "Hamsterrrad" - es gibt ständig etwas zu tun und man ist dauernd unterwegs. Das kann sehr schön und erfüllend sein. Mir liegt die inhaltliche Arbeit aber einfach näher und ich hatte das Gefühl, in der Regie eher wieder zu meinem Ursprungswunsch zurückzukehren. Mir war wichtig, meine eigene Vision darzustellen, das ist mir im Laufe des Studiums immer stärker bewusst geworden. So habe ich zwar noch einige Zeit in der Produktion gearbeitet und dort auch die Produzentin meines Kurzfilms kennengelernt, dann aber die für mich richtige Entscheidung getroffen, selbst Regie zu führen.
Heute fühle ich mich ganz klar als Regisseurin. Es hat natürlich Vorteile, dass ich mich in der Produktion auskenne, denn ich weiß, was bei welchem Buget machbar ist und was nicht. Ich komme also gar nicht erst mit utopischen Forderungen, die sich unmöglich umsetzen lassen, aber das schränkt mich nicht ein. Andererseits bleibe ich dann hart und unnachgiebig, wenn ich etwas machen möchte, von dem ich genau weiß, dass es sich in dem Rahmen realisieren lässt. Da machen sich die Produktionskenntnisse auf jeden Fall bezahlt.