Filmmagazine

Peter Tscherkassky

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Festival von Clermont-Ferrand, Anfang 2000: Das Publikum entdeckt Outer Space, eine Neuinterpretation von Sidney J. Furies The Entity. Zehn atemberaubende Minuten, ein unerhörtes Bild- und Klangerlebnis!

Outer Space stammt vom österreichischen Regisseur Peter Tscherkassky, dem wir bereits zahlreiche avantgardistische Filme zu verdanken haben (Happy End, L’Arrivée usw.) und der uns immer wieder überrascht. Zum Beispiel mit Dream Work, in dem er The Entity und Man Rays Experimentalfilm Retour à la raison vermischte. Oder mit Instructions for a Light and Sound Machine, der auf dem Italo-Western Zwei glorreiche Halunken beruht.

Diese Woche stellt Peter Tscherkassky bei der „Quinzaine des réalisateurs“ in Cannes seinen neuen Film, The Exquisite Corpus, vor – und beantwortet bei dieser Gelegenheit unseren traditionellen Blow-up-Fragebogen.

 

Peter Tscherkassky, bitte wählen Sie...

 

… eine Eröffnungsszene:

Die Bahnhofssequenz in Jacques Tatis "Die Ferien des Monsieur Hulot" von 1953, in der die Lautsprecherstimme völlig unverständliche Anweisungen zum einfahrenden Zug durchgibt und die Reisenden wie eine Herde in Panik durch Unterführungen von Bahnsteig zu Bahnsteig hasten. Grandios! (Oder doch die Eröffnungsszene aus Tatis "Playtime", bei der man nicht weiß, sehen wir ein Bürogebäude? Ein Spital? Einen Flughafen?)

 

... eine schauspielerische Leistung:

Der sturzbesoffene Charles Chaplin auf seinem halbstündigen Weg vom Taxi ins Bett in "One A.M." (1916). (Oder doch John Turturro in der Jesus-Szene beim Bowling in "The Big Lebowski" (1998) von den Coen Brothers – inklusive der Blicke von John Goodman und Jeff Bridges auf Turturro. Eine Szene, die ich mir als Endlos-Loop anschauen könnte.)

 

… eine Stimme:

Die Stimme des Bordcomputers Hal, wenn Bowman ihm in Stanley Kubricks "2001 – Odyssee im Weltraum" (1968) den Saft abdreht, Hals Stimme tiefer und tiefer wird, und er ein Kinderlied singend in ein fiktives Kindesalter regrediert, bevor es endgültig aus ist mit ihm.

 

… einen Soundtrack:

Erneut Jacques Tati. Als der Tonfilm aufkam, hat Chaplin resignierend angemerkt, dass er nicht wüsste, wie er Ton in seine Komik einbauen könne. Tati hat ihm die Antwort gegeben, und zwar quer durch sein Gesamtwerk. Konkret denke ich an eine frühe Szene in “Playtime” (1965), in der Hulot in einem hochmodernen Bürohaus in einer Art Glaskobel auf ein Geschäftstreffen wartet. Die Tonkulisse, die Tati hier aus den Geräuschen der modernen Welt filtert und neu montiert, klingt unübertrefflich, wie eine perfekte Komposition meiner geliebten Musique concrète.

 

… einen Tanz:

Der Tanz und der Film sind ja im Lauf der Geschichte eine ähnliche Nähe eingegangen, wie sonst nur der Zug und der Film, insofern fällt die Wahl hier besonders schwer. Aber summa summarum würde ich doch Peter Kubelkas ersten metrischen Film, "Adebar" von 1957, als den bewegendsten Tanzfilm aller Zeiten bezeichnen: die Sehnsucht nach Verschmelzung und die erneute Trennung auf den (kinematografischen) Punkt gebracht.

 

… einen Dialog:

Da denke ich sofort an den großen Robert Altman und seine Wirrwarrdialoge, bei denen alle durcheinander sprechen. Ich schiele aber auch Richtung Fernsehen und oute mich als Fan von “Two and a Half Men”. Für mich schließen etliche der Dialoge zwischen Charlie Sheen, Jon Cryer und Conchata Ferrell nahtlos an die Dialoge der großen Screwball Comedies an. Und letztlich wähle ich den gesamten Schlussdialog von “Burn After Reading” (2008) der Coen Brothers, in dem der CIA-Mann Palmer seinem Chef einen zusammenfassenden Bericht über die finalen Entwicklungen im Fall Ozzie Cox liefert, nachdem dieser völlig aus dem Ruder gelaufen ist. Hier der Schluss dieses Dialogs, eine perfekte Antiklimax:

– What do we learn, Palmer?

– I don’t know, sir.

– I don’t fucking know, either. I guess we learn not to do it again.

– Yes, sir.

– I’m fucked if I know what we did.

– Yes, sir, it’s hard to say.

– Jesus fucking Christ.

 

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