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"La mort de Louis XIV": Gespräch mit Albert Serra

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« La Mort de Louis XIV» : rencontre avec Albert Serra
Begegnung mit Albert Serra Neu in den Kinos Frankreichs : "La Mort de Louis XIV". Blow up widmet sich daher dem Regisseur Albert Serra. Begegnung mit Albert Serra

Das Meisterwerk der diesjährigen Filmfestspiele kommt von einem genialen Underground-Regisseur: Albert Serra, der mit Honor de Cavalleria und Birdsong zwei majestätische Erstlingswerke voll wilder, poetische Freiheit vorlegte, präsentiert mit dem noch spektakuläreren La Mort de Louis XIV. die düstere Inszenierung einer ebenso historischen wie mythologischen Figur. Dabei bleibt er überraschend, originell und inspiriert wie immer, ohne je in Häresie oder starre Schwülstigkeit zu verfallen. Wenn Serra die Rituale, Hintergründe und Tuscheleien der Weltgeschichte in einem finsteren Königszimmer zusammenpfercht, liegt seine künstlerische Geste weniger im Szenenbau oder in der Installation – das wäre zu steril und vereinfachend – sondern in der Rückkehr zu einer ursprünglichen Art des Filmens voller Schönheit, Tiefgründigkeit und Leidenschaft.

Trotz der Geräuschkulisse, mit der die laue Sommerstimmung ins Todeszimmer dringt, hat La Mort de Louis XIV. auch etwas Stummfilmhaftes. Es liegt in der genial intuitiven, primitiven Aufzeichnung der Welt: die Kamera fixiert gleichzeitig Körper und Seelen, Figuren und Schauspieler, eine Geschichte und ihre Entstehung – und in diesem Falle ihre Rekonstruktion.

Der Film schildert die letzten Lebenswochen von Louis XIV. und seinen langen Todeskampf zwischen dem 9. August und dem 1. September 1715; das linke Bein vom Wundbrand zerfressen, der nach einer Gefäßverstopfung aufgetreten war. Auf der Grundlage der Memoiren des Heiligen Simon schrieb Serra ein Requiem, in dem philosophische Gedanken zu Macht und Tod (Macht des Todes und Tod der Macht) in kleinen Anekdoten erscheinen. Von „Handlung“ kann man hier kaum sprechen – es handelt sich vielmehr um eine Abfolge winziger, realer oder möglicher Ereignisse, die zum Ende der längsten königlichen Amtszeit der französischen Geschichte führen – und zum Erlöschen eines Körpers, der mit Macht und Nation untrennbar verschmolzen war. Die Bedeutung des Biologischen und Zeremoniellen inszeniert Serra sehr fantasievoll; in humorvollen Dialoge und Situationen voller Abschweifungen, Bücklingen und demonstrativen Ergebenheitsgesten als komische und doch ehrliche Ausdrücke einer bedingungslosen Liebe zu dem Monarchen. Seit seinen ersten, obgleich grandios stolzen Werken zeigt sich Serra nie zynisch noch unmotiviert provokant; gleiches gilt für La Mort de Louis XIV., wo völlig unerwartet die reinsten Gefühle auftreten.

Auch die begabten Schauspieler leisten einen bedeutenden Beitrag zu Albert Serras Schaffen, denn beim Dreh wie beim Schnitt und bei der Postproduktion greift er gerne zufällige und unbeabsichtigte Elemente auf.

In La Mort de Louis XIV. bilden Hausdiener, Ärzte, Priester und Kurtisanen eine kleine Truppe, in der feinste Intelligenz (Blouin, erster Diener des Königs) auf Dummheit und frappierende Unfähigkeit stößt (die Ärzte, die der Krankheit des Königs machtlos gegenüberstehen). Ein plötzlich auftretender Scharlatan aus Marseille und seine improvisierten Schwafeleien über die zweifelhaftesten medizinischen Theorien der damaligen Zeit wecken außerdem schöne Erinnerungen an die vorigen Filme von Albert Serra.

Die ergreifendste Begegnung – und das Herzstück des Films – ist natürlich die zwischen Albert Serra und Jean-Pierre Léaud. Der Starschauspieler der Nouvelle Vague ist großartig in der Rolle des Sonnenkönigs, mit der Albert Serra auch das Hin und Her zwischen Mensch und König, zwischen Mensch und Schauspieler thematisiert. Jean-Pierre Léaud ist ein intellektueller Darsteller im besten Sinne des Wortes, der die Innerlichkeit des Königs verstehen und einzig mit der Kraft eines reglos im Bett liegenden Körpers, und einer totenstarren Miene mit tiefschwarzem Blick ausdrücken kann.

Wer dabei zusieht, wie aus Léaud / Louis XIV. langsam der letzte Lebenshauch weicht, verspürt eine Eindringlichkeit, die eher zum Nachdenken über die eigene Existenz und die Weltordnung einlädt als zu einer hypnotischen Meditation, mit der Serra so gar nichts anfangen kann. 

La Mort de Louis XIV ist ein intelligenter Film, der mit seiner düster-erhabenen Bildästhetik überwältigt und mit einem mal fröhlichen, mal schmerzhaften Sinneszauber einhergeht.

Olivier Père