Berlinale-Dossiers

Jafar Panahi, ein Filmemacher im Widerstand

 Aber er dreht einfach weiter - und zwar heimlich in einem Taxi. "Taxi", so heißt auch sein jüngstes Werk. Panahi hat den Film nach Berlin schmuggeln lassen, ausreisen durfte er aber nicht. Über eine Premiere ohne Regisseur.

Die ganze Wahrheit über Jafar Panahi

WER IST JAFAR PANAHI?

Geboren am/in: 11. Juli 1960 im Iran.

Bewegung: Neues iranisches Kino (1990er Jahre) – eine cineastische Strömung, die für ihre eleganten, subtil politischen Filme und ihren kritischen Blick auf die restriktiven Vorschriften des Islams bekannt ist.

Erster Film: Der weiße Ballon, ausgezeichnet mit der Goldenen Kamera auf den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1995. Das Drehbuch stammt von dem berühmten (und genialen) Filmemacher Abbas Kiarostami, für den Panahi als Assistent arbeitete.

Und dann? 1997 – Goldener Leopard beim Filmfestival von Locarno für Der Spiegel.

Wichtigste Auszeichnung: Goldener Löwe bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig 2000 für Der Kreis.

Warum? Weil Panahi damit beweist, dass er zu den ganz Großen gehört. Sein Film schildert die persönlichen Schicksale schutzloser Menschen (Frauen, Kinder, gesellschaftliche Außenseiter) und stellt so die Absurditäten und Unzulänglichkeiten des iranischen Alltags bloß. Die iranischen Zuschauer erkennen sich in den Figuren wieder und verstehen die Probleme der Gesellschaft (in ihrem und anderen Ländern), ohne dass dabei jemals die Worte „Politik“, „Widerstand“ oder „Protest“ fallen. Laut Eigenaussage steht Panahi über diesen Begrifflichkeiten: „In keinem meiner Filme sehen Sie bösartige Menschen, egal ob Mann oder Frau. Ich glaube, dass alle Menschen gut sind. Wenn sie es nicht sind, liegt es an den sozialen Umständen. Selbst der gefährlichste Kriminelle besitzt ein Stück Menschlichkeit.“

Wie? Um seine Wunschthemen auch ohne die Genehmigung des iranischen Kulturministeriums umzusetzen, arbeitete Panahi jahrelang nach der gleichen Methode: Er drehte mit einem fiktiven Filmteam einen offiziellen Film, den es in Wirklichkeit gar nicht gab und in dessen Schatten das eigentliche Projekt entstand.

 

"Der Kreis" ist Panahis Meisterwerk.

 

EINE CHRONOLOGIE DER ZENSUR

Panahis Blick auf die iranische Gesellschaft hat dem islamischen Staat niemals gefallen. Seit 2000 macht er dem Filmemacher das Leben und Arbeiten immer schwerer.

Zeitleiste:

2000:              Die iranische Regierung verbietet den Film Der Kreis über die gesellschaftliche Stellung der Frau.

2003:              Auch der Film Crimson Gold über die soziale Ungerechtigkeit im Iran wird verboten.

2006:              Ein weiteres Verbot betrifft den Film Offside.

2009:              Panahi, seine Frau und ihre 15-jährige Tochter werden wegen der Teilnahme an einer Demonstration gegen die iranische Regierung festgenommen. Bei einer Hausdurchsuchung in der Nacht vom 19. Februar beschlagnahmt man den Großteil seiner DVD-Sammlung.

2010:              Panahi wird festgenommen und zu einer sechsjährigen Haftstrafe mit 20-jährigem Berufs- und Ausreiseverbot sowie absolutem Interviewverbot verurteilt. Martin Scorsese, Steven Spielberg, Francis Ford Coppola und Juliette Binoche protestieren gegen das Urteil. Panahi wird als Jurymitglied nach Cannes geladen. Sein Film Akkordeon läuft auf den Filmfestspielen von Venedig. Auf Facebook ensteht die Seite „Free Jafar Panahi“. Der Filmemacher wird nach einem Hungerstreik und nach Angaben der Staatsanwaltschaft in Teheran gegen eine Kaution von 2  Milliarden Rial (164 000 Eurom) wieder auf freien Fuß gesetzt.

2011:              Das amerikanische Sundance-Festival erklärt sich mit Panahi solidarisch. Pahanis neue Dokufiktion Dies ist kein Film wird auf einem in einen Kuchen eingebackenen USB-Stick aus dem Iran geschmuggelt und in Cannes gezeigt.

 

Jafar Panahi auf ARTE nach dem Filmfestival in Teheran:

 

PANAHI UND DIE BERLINALE

Die enge Verbundenheit des Regisseurs mit den Filmfestspielen in Berlin begann 2006 mit der Verleihung des Silbernen Bären für Offside, einem Dokumentarfilm über iranische Frauen und Fußball.

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Berlin 2006     

 

 

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Berlin 2011

 

2010: setzt das Festival ein Zeichen und lädt Panahi, gegen den ein Ausreiseverbot verhängt wurde, als Ehrengast ein.

2011: wird sein Platz in der Festivaljury durch einen leerbleibenden Stuhl symbolisiert.

2013: wird der gemeinsam mit Kambuzia Partovi gedrehte Film Closed curtain mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch ausgezeichnet.

2015: ist sein neuester, heimlich gedrehter Film Taxi im Wettbewerb zu sehen.

Jafar Panahi kennt die Bedeutung der großen internationalen Festivals – nicht nur für seine persönliche Situation: „Aus der Kunst schöpft man Hoffnung. Das iranische Kino hat, wie auch andere künstlerische Ausdrucksformen, internationales Ansehen erlangt. Das hat dazu beigetragen, unseren Nationalstolz und unsere Hoffnung am Leben zu halten.“

 

FILME ÜBER GEFANGENSCHAFT

„Wenn ein Regisseur keine Filme mehr drehen kann, ist das, als sei er im Gefängnis“, erklärte Jafar Panahi vor einigen Jahren der englischen Tageszeitung The Guardian. Pahani dreht trotz seines Berufsverbotes weiter Filme – heimlich. Die meisten von ihnen handeln von Gefangenschaft. Seine sachten, aber stets leicht beklommenen Doku-Fiktionen (alle Beteiligten gehen ein gewisses Risiko ein) haben stets eine offen politischer Aussage und schildern allgemeine und persönliche Lebenssituationen. Diese „eingesperrten“ Arbeiten sind Filme – und sind es zugleich auch nicht.

 

"Dies ist kein Film"

Ein Tag im Leben des unter Hausarrest stehenden Regisseurs, der in Begleitung seines zahmen Leguans auf den Urteilsspruch wartet und dabei seine berufliche und persönliche Situation im Iran reflektiert.

Der zu Hausarrest verurteilte Filmemacher und sein Leguan: Dies ist kein Film, autobiografische Doku-Fiktion, 2011.

 

"Closed curtain"

In diesem Film spielt Panahi sich selbst. Bei geschlossenen Vorhängen und verrammelten Fenstern träumt er von einer totalen Freiheit, die selbst für Hunde gilt (die im Iran ebenfalls verfolgt werden). Ein ergreifend poetischer, lebensfroher Film, der sich selbst angesichts der äußeren Zwänge einen sanften Humor erlaubt und sogar kulinarische Themen nicht ausspart. Closed Curtain ist eine klare, sorgsam komponierte und tiefgründige Reflexion darüber, wie es sich trotz aller Widrigkeiten leben lässt.

 

 

"Taxi"

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In diesem Film, der bei den diesjährigen Filmfestspielen in Berlin vorgestellt wird, trifft Jafar Panahi in einem Taxi auf viele Iranerinnen und Iraner sowie einige Goldfische (ein augenzwinkernder Verweis auf Der weiße Ballon).