Trash - Lust und Begierde

„Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ von Luciano Ercoli - Donnerstag, 29. September um Mitternacht

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Luciano Ercolis Anfang der 70er Jahre entstandener Debütfilm „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ ist ein schönes Beispiel für den „Giallo“, so die Genre-Bezeichnung für den typisch italienischen, erotisch und sadistisch gewürzten Krimi, der zwei Jahrzehnte lang die Säle der populären Kinos füllte. Zwei Regisseure machten den „Giallo“ gesellschaftsfähig: zuerst Mario Bava („Blutige Seide“, 1964), dann Dario Argento („Das Geheimnis der schwarzen Handschuhe“, 1969; „Vier Fliegen auf grauem Samt“, 1971). Doch auch andere, weniger bedeutende Filmemacher schwammen auf der „Giallo“-Welle mit und bewiesen dabei manchmal sogar ein gewisses Talent. Neben innovativen, sogar revolutionären Werken wie dem bald auf ARTE ausgestrahlten Serienmörderfilm „Rosso – Farbe des Todes“ (1975) von Dario Argento gab es in Italien eine überdimensionale Produktion von Horror-Thrillern. Mit raffiniert aufgebauten Plots setzten diese auf den Sex-Appeal ihrer Heldinnen und das zwielichtige Milieu des Jetsets oder der Oberschicht – eine Mischung aus Luxus und Profit voller Machenschaften, Manipulationen und komplizierter Mordstrategien, denen reine Geldgier zugrunde liegt. Dario Argento jedoch zerstörte all diese Konventionen und zeigte in seinen Filmen allein vom Wahnsinn getriebene Psychopathen.

In „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ benutzen Luciano Ercoli und sein Drehbuchautor Ernesto Gastaldi, ein Tausendsassa des B-Movies, eine düstere Erpressungs- und Mordgeschichte als Vorwand, um in die Seele einer von ihrem Mann vernachlässigten und sexuell frustrierten Frau einzutauchen. Sie gerät in die Fänge eines schrecklichen Perversen, der sie vergewaltigt und terrorisiert. Abgemildert wird das finstere Sujet durch die glänzende visuelle Verpackung: In der Tat verherrlicht der Film das protzige Dekor von Ferienhäusern und Wohnungen seiner vulgären Bewohner aus der Bourgeoisie. Ennio Morricones eingängige Filmmusik trägt viel dazu bei, die Sinnlichkeit und die zunächst schamlos-ausschweifende, später beängstigende Stimmung des Films zu verstärken. Wieder einmal gelingt es Morricones Soundtrack, ein schlichtes B-Movie in ein Pop-Juwel zu verwandeln!

Hier die Story von „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“: Peter (Pier Paolo Capponi), ein vielbeschäftigter Unternehmer, ist mit Minou (Dagmar Lassander, die attraktivste Rothaarige des italienischen B-Movies) verheiratet. Im Gegensatz zur prüden Minou ist ihre beste Freundin Dominique (Susan Scott) eine emanzipierte Frau, die sich erotischen Spielen hingibt. Peter wird von einem bedrohlichen Herumtreiber (Simón Andreu) des Mordes beschuldigt. Dieser Mann lässt sich sein Schweigen in der (angeblichen) Mordsache von Minou mit sexuellen Gegenleistungen vergelten. Die arme, gequälte Ehegattin verfällt in Depression und Wahnsinn. Durch eine überraschende Wende mutiert „Frauen bis zum Wahnsinn gequält“ am Ende zu einem feministischen Manifest. Das unterscheidet den Film grundlegend von anderen „Gialli“, deren reaktionäre und frauenfeindliche Ideologie ins Auge sticht.

Der Internet-Filmdatenbank zufolge verließ Luciano Ercoli die Filmindustrie vorzeitig, nachdem er dank einer Erbschaft reich geworden war. Das also ist der Grund, warum der Mann lediglich acht Spielfilme drehte und fünfzehn produzierte! Seine arbeitswütigen Kollegen dagegen rackerten sich ihr ganzes Leben lang an den verschiedenen Gattungen des italienischen B-Movies ab: vom Sandalenfilm über den Western und den Thriller bis hin zum Kannibalenfilm.

Von Ercolis kurzer Karriere wird man seine „Gialli“ in Erinnerung behalten; übrigens spielte darin meist seine Gattin Nieves Navarro (unter dem Pseudonym Susan Scott) die Hauptrolle. Vor allem aber wird Ercolis hervorragender Krimi „Killer Cop“ (1975) im Gedächtnis bleiben. Darin verabschiedete sich der Regisseur von der italienischen Variante des Detektivfilms („poliziesco“) und entschied sich für eine dubiose Ermittlung vor dem Hintergrund eines Bombenanschlags und politischer Komplotte.

Olivier Père

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Besetzung

Regie: Luciano Ercoli
Drehbuch: Ernesto Gastaldi
Kamera: Alejandro Ulloa
Komponist: Ennio Morricone
Schnitt: Luciano Ercoli
Produktion: Produzioni Cinematografiche Mediterranee, Trébol Films
Produzent: Luciano Ercoli, José Frade, Alberto Pugliese
Mit: Dagmar Lassander (Minou), Pier Paolo Capponi (Peter), Simón Andreu (der Erpresser), Osvaldo Genazzani (Frank), Salvador Huguet (George), Nieves Navarro (Dominique)