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"Die Kleinen und die Bösen" von Markus Sehr

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Am 3. September 2015 ist die ARTE-Koproduktion "Die Kleinen und die Bösen" von Markus Sehr in den deutschen Kinos angelaufen. Lesen Sie hier das Interview mit dem Regisseur und mit dem Hauptdarsteller Christoph Maria Herbst.

Zum Inhalt

Bewährungshelfer Benno (Christoph Maria Herbst) findet in Hotte (Peter Kurth) eine echte Herausforderung. Beschissen wird seine Behörde von Kleinkriminellen ohnehin,aber Hotte ist mit Abstand der dreisteste Gauner, der sein Büro jemals betreten hat. Als Hotte auch noch das Sorgerecht für seine beiden Kinder Dennis (Jasper Smets) und Jenny (Emma Bading) zugesprochen wird, sieht Benno rot. Auf keinen Fall darf Hotte mit den Halbwüchsigen in eine gemeinsame Wohnung ziehen und deren Erziehung übernehmen. Den interessiert zunächst nur das Kindergeld, aber langsam findet er Gefallen an dem Zusammenleben mit seinen Kindern und einem festen Wohnsitz. Und während Hotte sich aufrichtig bemüht, sein Leben neu zu ordnen, entwickelt Benno eine ungeahnte Energie, um genau dieses zu verhindern…

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Interview mit Christoph Maria Herbst

WAS HABEN SIE GEDACHT, ALS SIE DAS DREHBUCH ZUM ERSTEN MAL GELESEN HABEN?
- Das ist so ewig her, dass ich mich gar nicht mehr erinnern kann. Das Buch hat nämlich eine erstaunliche Odyssee hinter sich, und Autoren und einen Produzenten, die von Anfang daran geglaubt haben. Immer wieder gab es dann finanzielle oder menschliche
Rückschläge, zeitliche Probleme etc. Ich selber habe den Lauf dieser Zeit genutzt, mich immer mehr in Benno zu verlieben. Eine Liebe auf den zweiten Blick bei einer Freude an dem Buch auf den ersten.


WAS FÜR EIN TYP IST BENNO?
- Ein erstmal ganz normaler Bewährungshelfer. Es gibt einen echten, der quasi Pate stand bei der Entwicklung dieser Figur. Unser Benno entwickelt dann aber mehr Empathie für seine Klienten als normal, mehr kriminelle Energie als erlaubt, mehr Abneigung gegen seine Freundin als zuträglich. Und so wird aus einem, der anderen hilft, einer, der auch mal an sich denkt. Das aber konsequent.


WIEVIEL STROMBERG IST IN BENNO – ODER SIND DIE CHARAKTERE NICHT ZU VERGLEICHEN?
- Sie haben beide einen Schreibtisch. Das war‘s.


WAS IST IHRE LIEBLINGSSZENE?
- Es gibt gleich mehrere: Die erste Begegnung von Hotte mit seinen Kindern, das handgreifliche Gespräch zwischen Benno und Frau Pohl, in dem Benno sich mit ihr schlägt, und die Romeo-und-Julia-Szene zwischen Benno und Anabell.


WAS WÜRDEN SIE MACHEN, WENN IHNEN EINE WESTE MIT SO VIEL GELD IN DIE HÄNDE FÄLLT?
- Mich umgucken, ob mich jemand sieht, und sie dann – natürlich – zum Fundbüro bringen.


WIE WAR DIE ZUSAMMENARBEIT MIT PETER KURTH?
- Sehr gut. Ich glaub, wir haben von Beginn an, also seit dem Casting, miteinander funktioniert, wie man so hässlich sagt. Auch dann am Set haben wir einander stets zugearbeitet und waren uns immer bewusst, wer die Szene führt und wer Wasserträger ist. Man möge dieselbe Frage Peter Kurth bezogen auf mich stellen. Immerhin habe ich ihm bei unserer Schlägerei mit dem Buddha tatsächlich die Skulptur über den Schädel gezogen ...

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Fragen an Regisseur Markus Sehr

WIE KAMEN SIE ZU DEM STOFF?
- Er ist mir quasi zugeflogen – ganz ähnlich wie unserer Hauptfigur Benno im Film die Geldweste zufliegt: völlig unverhofft. Produzent Herbert Schwering von COIN FILM hat mich, ohne dass wir uns persönlich kannten, angerufen und mir von dem Stoff erzählt. Nach einem gemeinsamen Treffen mit den Autoren Martin Ritzenhoff und Xao Seffcheque hatten wir allesamt schnell das gute Gefühl, dass unsere Vorstellungen, wie man diese Geschichte erzählen sollte, auf einer Linie lagen. Das war für mich eine wichtige Voraussetzung, denn die Autoren hatten ja zu dem Zeitpunkt schon fast 10 Jahre an dem Stoff gearbeitet. Das war ihr Herzensprojekt, ihr Baby. Da hatte ich also eine gewisse Fürsorgepflicht.
Am spannendsten fand ich die angestrebte Tonalität dieser Geschichte: Sie changiert immer zwischen Komik und Drama, zwischen Realismus und Überhöhung, zwischen Härte und großer Zuneigung für die Figuren. Das wollte ich sehr gerne alles genau so zum Leben erwecken und auf die
Leinwand bringen!


STEHT IHRE WUNSCHBESETZUNG VOR DER KAMERA, ODER GAB ES EINEN LANGEN CASTING-PROZESS?
- Beides. Denn das ist ja zum Glück kein Widerspruch. Grundsätzlich war die Aufgabe für unsere Casterin Susanne Ritter und mich, die richtigen Leute zu finden, die diese besondere Mischung der Tonalität tragen können. Als erster stand Christoph Maria Herbst als Hauptdarsteller
fest. Darüber habe ich mich sehr gefreut, denn ich wusste, dass er den Bewährungshelfer Benno nicht als so einen Sozialarbeiter-Öko-Schluffi spielen würde, wie er ja klischeehaft oft dargestellt wird. Mir war wichtig, dass unser Benno ein ganz natürliches Selbstbewusstsein hat und
eine Lockerheit und auch attraktiv genug ist, um als romantischer Held in dieser Geschichte zu funktionieren. Und all das hat Christoph unglaublich authentisch und nahbar verkörpert.
Die Suche nach Bennos Gegenspieler Hotte war etwas kniffliger. Ich musste lernen, dass es gar nicht so leicht ist, in Deutschland Schauspieler zu finden, die glaubwürdig eine proletarische Figur darstellen können. Peter Kurth war für mich persönlich dann die absolute Entdeckung – wenn ich das über einen so erfahrenen Schauspieler sagen darf. Nachdem wir das richtige Masken- und Kostümbild für ihn gefunden hatten, waren der Schauspieler Peter und die Rolle Hotte für mich nicht mehr trennbar. Peter IST Hotte. Für mich ist es jetzt immer noch ungewohnt, Peter ohne kurze Hosen, Hawaii-Hemd und ohne Schnurrbart zu sehen.


IHR FILM ARBEITET MIT EXTREMEN FALLHÖHEN. ER IST SEHR WITZIG UND GLEICHZEITIG KNALLHART. WIE FINDET MAN DIE BALANCE?
- Nach der Drehbucharbeit fing das Suchen nach dieser Balance bereits mit der Besetzung an. Unser Film spielt ja zu einem großen Teil in einem Milieu, das weit entfernt ist von der Mitte der Gesellschaft. Und so braucht man Schauspieler, die ein Gefühl dafür haben, wie man Figuren spielen kann, ohne in diesen manchmal schon klischeehaften Sozialrealismus zu fallen. Ein Schauspieler darf mit seiner Figur niemals um Mitleid beim Zuschauer betteln. Daher wollte ich, dass alle unsere Charaktere mit einem großen Optimismus und mit viel Selbstbewusstsein, ja fast schon Überheblichkeit durch den Film gehen. Selbst so kleine Gauner wie Ivic (gespielt von Ivo Kortlang) oder Vlado (Mateusz Dopieralski) haben ihre eigenen Träume und Ziele. Und die verfolgen sie unnachgiebig – egal, wie viele Rückschläge sie kassieren.

Pressestimmen

Prima Proll-Komödie: "Die Kleinen und die Bösen" stellt Christoph Maria Herbst als zärtlichen Lakoniker und Peter Kurth als vierschrötigen Hawaiihemd-Träger gegenüber.

Gunda Bartels, Der Tagesspiegel