Schwerpunkt Aki Kaurismäki

Aki Kaurismäki zum 60. Geburtstag

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In Interviews erzählt Aki Kaurismäki gerne, dass er im Grunde noch immer der dreizehnjährige Junge sei, der er einmal war, nur sein Spiegel behaupte etwas anderes. Nun denn: Alles Gute zum Geburtstag Aki Kaurismäki! Zum dreizehnten oder sechzigsten – das spielt ohnehin keine Rolle. Denn egal was der Spiegel sagt, hinter dem Spiegel - in der Kaurismäki Welt - ist die Zeit über die Klippe gefallen. Hier gab es noch nie moderne Autos, Computer, Handys oder auch nur modische Kleidung. Bei Kaurismäki sieht alles nach einer sehr finnisch-eigenwilligen (bisweilen auch französisch-englisch-eigenwilligen) Version der 50er/ 60er/ 70er Jahre aus. Und das ist so, seit Kaurismäki Filme macht - also auch schon wieder seit gut 35 Jahren. In dieser ästhetischen Verweigerung steckt dabei keine Nostalgie. Es geht in den Filmen Kaurismäkis nicht um die Verklärung der Vergangenheit sondern um die Beschreibung der Gegenwart mit nicht zeitgemäßen Mitteln.

Es ist als ob er für seine Kritik an der Gegenwart einen festen Punkt außerhalb oder am Rand bräuchte, weil nur von da aus der Blick auf die Verhältnisse klar und konturiert wird. Die abstrakte Zeit bzw. Zeitlosigkeit seiner Filme ist so ein fester Punkt. Genauso wie Kaurismäkis beharrlicher Blick auf die „randständigen Existenzen“: die Bohemiens, die Verlierer im ökonomischen Verdrängungswettbewerb, die Flüchtlinge. Die Zeiten und die Geschichten ändern sich, aber Kaurismäkis ästhetisches Prinzip, sein Blick auf das Geschehen bleibt bemerkenswert gleich. Er hat sich einen archimedischen Punkt geschaffen, von dem aus er seinen Hebel ansetzt. Wenn Kaurismäki über die Gegenwart, über neoliberale Arbeitswelten, Digitalisierung, Flüchtlingskrise, etc. spricht, erzählt er seine Geschichten immer von den Marginalisierten, den Rändern her. Nicht zufällig lautet der Name seiner Produktionsfirma „Sputnik“. Sein Standpunkt (man kann auch das gerade für Filmliebhaber mehrdeutig schillernde Wort der „Einstellung“ verwenden) ist dabei ein solides Geflecht verschiedener ästhetischer, politischer und moralischer Entscheidungen, auf die er unbeirrbar setzt.

So haben seine Hauptfiguren immer einen unerschütterlichen Moralkodex, in dem Werte wie Solidarität, Loyalität, Empathie, etc. so absolut gelten, dass niemand sie auch nur im Ansatz in Frage stellt. Auch die kulturellen Referenzen bleiben stets gleich: Amerikanische Populärkultur (Cadillacs und Rock’n'Roll); Europäisches Kino (von Anklängen an Robert Bressons Kameraarbeit über den Neorealismus zu den Melodramen von Douglas Sirk); ein elliptisches filmisches Erzählen, das in seinem Minimalismus an die cleversten Pointen von Ernst Lubitsch erinnert; und immer wieder finnischer Tango. Alles getränkt in einen lakonischen, manchmal etwas schwermütigen Humor. Dazu Schauspieler, die nicht spielen, sondern fast ausdruckslos ihre sehr literarischen Dialoge aufsagen.

All diese Stilisierungen - das ist das Paradox von Kaurismäkis Kino - stehen im Dienst einer kritischen Beschreibung unserer Wirklichkeit. In gewisser Weise nimmt er damit im Spektrum des Weltkinos die diametral entgegengesetzte Position zum Mainstream in Hollywood ein. Dort versucht ein eskapistisches Kino seinen Zuschauern eine perfekte Realitätsnähe vorzugaukeln, um sie dann umso effektiver in die Traumwelten der Fiktionen zu entführen. Kaurismäki dagegen konfrontiert die Zuschauer mit artifiziellen Traumwelten, die unbeirrt auf unsere Realität verweisen und uns mit jedem Film aufs Neue auffordern, uns einzumischen und politisch wachsam zu sein.

Gerade deshalb wirkt Kaurismäkis Stimme im Kanon des aktuellen Kinos oft gänzlich aus der Zeit gefallen und ist doch wichtiger denn je.

Holger Stern